Freitag, 18. Dezember 2009

Frisch stellt Fragen...

Fragebogen („I“, 9ff.)

1. Sind Sie sicher, daß Sie die Erhaltung des Menschengeschlechts, wenn Sie und alle Ihre Bekannten nicht mehr sind, wirklich interessiert?
Nein.
2. Warum? Stichworte genügen.
Agnostizismus - Plausibilität der Endlichkeit des Daseins mit dem Tode
Schon jetzt weder Kinderwunsch noch ethisches Obdach und demnach kein Interesse an der Erhaltung des Menschengeschlechts über mich hinaus
3. Wieviele Kinder von Ihnen sind nicht zur Welt gekommen durch Ihren Willen?
Die Antwort ist je nach Definition entweder unzählbare oder aber, dass diese Menge zwangsläufig leer sein muss, weil ein Kind nur eins ist, wenn es auf der Welt ist.
Um Definitionen will ich mich nicht streiten, sie sind arbiträr.
4. Wem wären Sie lieber nie begegnet?
Niemandem.
5. Wissen Sie sich einer Person gegenüber, die nicht davon zu wissen braucht, Ihrerseits im Unrecht und hassen Sie eher sich selbst oder die Person dafür?
Nein, aber ich hasse mich schon bei der Ahnung, im Unrecht sein zu können - nicht für das potentielle Unrecht, sondern für jede Handlung, die angemessener Weise mit ‚recht’ oder ‚unrecht’ beurteilt werden kann.
Solche Handlungen behindern das Verständnis aller von allem.
6. Möchten Sie das absolute Gedächtnis?
Nein. Wenn ich es erlangen sollte, wäre dies eine beurteilbare Handlung (siehe 5.).
7. Wie heißt der Politiker, dessen Tod durch Krankheit, Verkehrsunfall usw. Sie mit Hoffnung erfüllen könnte? Oder halten Sie keinen für unersetzbar?
Ich wünsche niemandem den Tod. Und ich wünsche nicht, zu hoffen. Ich halte es zurzeit mit Albert Camus: „La lutte elle-même vers les sommets suffit à remplir un coeur d’homme.“
8. Wen, der tot ist, möchten Sie wiedersehen?
Niemanden: es ist nicht möglich und die Möglichkeit wider mein Wissen würde mich erschüttern.
9. Wen hingegen nicht?
Nicht: Alle. Sondern wiederum: Niemanden. Ich würde es jedem einzelnen gönnen, wieder zu leben.
10. Hätten Sie lieber einer anderen Nation (Kultur) angehört und welcher?
Ihre Fragen, Herr Frisch, sind nicht direkt beantwortbar. Im Voraus konnte ich noch nichts beurteilen, da ich die Fähigkeit zur Wahl erst aus der Situation (zu der die Nation wie die Kultur gehört) erhalten habe. Jetzt wiederum kann ich dazu nichts sagen, da ich ja schon einer bestimmten Kultur angehöre. Wenn ich in eine andere Kultur geboren worden wäre, wäre ich nicht in dieser hier aufgewachsen und würde die Frage anders beantworten. Sie sprechen von einer alternativen Welt, über die ich aus offensichtlichen Gründen nichts sagen kann (ich lebe in -dieser- Welt).
Ich kann höchstens insofern Nein sagen, als dass ich weder bisher noch jetzt einen Drang verspürt habe, die Kultur zu wechseln, in die ich geworfen wurde. Aber das ist die Antwort auf eine andere Frage, die Sie nicht gestellt haben.
11. Wie alt möchten Sie werden?
Das kommt zu offensichtlich auf zu viele Faktoren an, als dass ich die Frage beantworten könnte. Mir scheint, als glaubten Sie tatsächlich an das dümmliche Wort ‚Es gibt keine dummen Fragen. Es gibt nur dumme Antworten.‘ Sie aber stellen Fragen, zu denen es nur dumme Antworten gibt, wenn es Antworten auf Ihre Fragen sind! Wie kann man nur behaupten, solche Fragen seien nicht dumm.
12. Wenn Sie Macht hätten zu befehlen, was Ihnen heute richtig scheint, würden Sie es befehlen, gegen den Widerspruch der Mehrheit? Ja oder Nein.
Ja.
13. Warum nicht, wenn es Ihnen richtig scheint?
Eben. (Allerdings hätte ich nichts zu befehlen, weil ich mich nicht hassen will - siehe 5.)
14. Hassen Sie leichter ein Kollektiv oder eine bestimmte Person und hassen Sie lieber allein oder im Kollektiv?
Weder noch. Ich hasse nur Sprachhandlungen - dafür dass sie falsch sind, oder dafür dass sie irreführend sind. Letzteres halte ich für schlimmer.
15. Wann haben Sie aufgehört zu meinen, daß Sie klüger werden oder meinen Sie's noch? Angabe des Alters.
Ich habe vor wohl drei bis vier Jahren aufgehört, mir diese Frage zu stellen. Mein 23. Geburtstag ist in gut vier Monaten.
16. Überzeugt Sie Ihre Selbstkritik?
Nein. Meinen Sie etwa, daraus schliessen zu können, dass sie keinen Einfluss auf mein Denken und Handeln hat? Das würde ich bezweifeln.
17. Was, meinen Sie, nimmt man Ihnen übel und was nehmen Sie selbst übel, und wenn es nicht dieselbe Sache ist: wofür bitten Sie eher um Verzeihung?
Man nimmt mir übel, dass meine Argumentationsweise überheblich wirke. Ich nehme es anderen übel, emotionale Kategorien in eine Diskussion zu tragen, die dort nichts verloren haben. Wenn das nicht verstanden wird, werde ich auch emotional. Das wird mir dann wiederum übel genommen. Ich bitte möglichst oft und für möglichst viel um Verzeihung. Reine Vorsichtsmassnahme.
18. Wenn Sie sich beiläufig vorstellen, Sie wären nicht geboren worden: beunruhigt Sie diese Vorstellung?
Nein. Ich kann mir das nicht vorstellen und ich kann mir demnach auch nicht vorstellen, wie mich eine solche Vorstellung beruhigen würde, wenn sie denkbar wäre.
19. Wenn Sie an Verstorbene denken: wünschten Sie, daß der Verstorbenen zu Ihnen spricht, oder möchten Sie lieber dem Verstorbenen noch etwas sagen?
Beides, wechselweise.
20. Lieben Sie jemand?
Ja.
21. Und woraus schließen Sie das?
Ich schliesse nicht. Ich entnehme die Angemessenheit meiner Antwort der sprachlichen Konvention unter Beiziehung der Beobachtung einer zwischenmenschlichen Beziehung.
22. Gesetzt den Fall, Sie haben nie einen Menschen umgebracht, wir erklären Sie es sich, daß es dazu nie gekommen ist?
Siehe 5., 14. Und es würden Unnannehmlichkeiten folgen.
23. Was fehlt Ihnen zum Glück?
Das weiss ich nicht, meine Erfahrung hat gezeigt, dass Streben nach Glück nicht zu Glück führt. Und Lachen ist besser als Glück. Nietzsche sagte einmal: „Der Mensch strebt nicht nach Glück. Nur der Engländer thut dies.“ Köstlich, nicht?
24. Wofür sind Sie dankbar?
Für alles.
25. Möchten Sie lieber gestorben sein oder noch eine Zeit leben als gesundes Tier? Und als welches?
Es handelt sich wieder um eine Alternative-Welt-Frage: der lebendige Mensch ist das einzige Tier mit einem Willen, das einzige Tier, das etwas ‚möchte‘. Also ‚möchte‘ ich, wenn ich denn etwas möchte, zwangsläufig als Mensch weiterleben.