Freitag, 17. Dezember 2010

Logos und TCP/IP

Ich bereite momentan eine Seminararbeit vor (zu Gadamer in Verbindung mit meinen üblichen Verdächtigen Heidegger, Austin, Camus, Derrida und Wittgenstein) und habe Folgendes in der Hoffnung geschrieben, einen Teil davon irgendwie verwenden zu können. Beim Durchlesen habe ich gemerkt, dass höchstens die Beispiele nützlich werden könnten, aber wahrscheinlich ein Umschreiben unumgänglich wird. Daher überlasse ich den Text im seltsam gemischten Stil zwischen Sprachwissenschaftlich-Philosophsicher Seminararbeitseinleitung und erzählendem Blogeintrag dem Internet.

Ein Beispiel soll verdeutlichen, wie sehr das Bild der natürlichen Sprache als Regelsystem bei Naturwissenschaftlern verhaftet sein kann - und zu welchen absurden Konsequenzen diese Verhaftung führt. Ich erhalte oft E-Mails, die nicht für mich bestimmt sind, sondern für den Chemiestudenten M. L. Dies geschieht (wohl) deshalb, weil die Universität Basel ihren Studenten empfiehlt, ihre E-Mail-Adresse in der Form Vorname.Nachname@stud.unibas.ch zu wählen. Nun unterliegen auch die E-Mail-Adressen einem Protokoll, welches es Rechnern ermöglicht, sie zu deuten und die Post entsprechend weiter- oder umzuleiten, anzunehmen oder abzulehnen. Jeder Benutzer des E-Mail-Systems weltweit muss sich, um nicht massenhaft falsche Post zu generieren, darüber bewusst sein, dass jede E-Mail-Adresse eindeutig ist.
Darüber hinaus muss sich aber auch jeder Mensch in einem sozialen Umfeld bewusst sein, dass doch wenigstens die Namen der natürlichen Sprache nicht eindeutig sind: es kann mehrere M. L. geben - und es ist sogar wahrscheinlich, dass es mehrere Peter Müllers gibt (eine genügend umfangreiche Grundgesamtheit vorausgesetzt). Gratuliere ich dem achtjährigen Peter Müller zu seiner Heirat, so kann mich das in Schwierigkeiten bringen. Wie kommt es also, dass am Chemischen Institut der Universität Basel die (Un-)Sitte verbreitet ist, elektronische Post zu verschicken, indem man das „To:“-Feld blind ausfüllt, als gebe es eine Regel dafür, wie es auszufüllen sei, aus der sich die Adresse automatisch ableiten lasse? Wie kann die Empfehlung, der E-Mail-Adresse eine bestimmte Form zu geben, in den Köpfen der Menschen zur Regel werden, die bekannte Regeln der natürlichen Namensgebung überschreibt?
Eine mögliche Weise, die Gründe für die sowohl unter Philosophen als auch in der Bildungsbevölkerung weit verbreitete logozentristische Betrachtung der natürlichen Sprache darzulegen, besteht darin, sich mit populärwissenschaftlichen Beschreibungen technischen Wissens auseinanderzusetzen. Eine als Nebenprojekt von Google Chrome entstandene Webseite, aufgebaut wie ein Bilderbuch für Kinder, welches der breiten Bevölkerung die Funktionsweise des TCP/IP-Protokolls für die Kommunikation unter Computern (das Internet) erklären möchte, behauptet etwa:
TCP/IP is somewhat like human communication: when we speak to each other, the rules of grammar provide structure and ensure that we can understand each other and exchange ideas. Similarly, TCP/IP provides the rules of communication that ensure interconnected devices understand each other so that they can send information back and forth. (Link)
Ich habe ein E-Mail-Konto bei Google und hoffe, seit ich dies gelesen habe, dass es keinen zweiten M.L. bei Gmail gibt.
Natürlich sind diese Beispiele - eine Erzählung gefolgt vom Zitat einer Erzählung in Märchenform - von mythischer Art und es kann von ihnen keineswegs mittels induktiver Logik auf ‚das Sprachbild der Naturwissenschaften‘ geschlossen werden. Trotz dieses Umstandes (oder gerade deshalb, weil sich für die Besprechung des Status dieser Beispiele die Begriffe Mythos und Logik aufdrängen) scheint es ziemlich offensichtlich zu sein, dass diesen Beispielen irgend eine Relevanz für das Thema nicht abgesprochen werden kann. Aber die Relevanz ist eben keine von der Form eines Allgemeinen, einer Regel. Die Erzählungen stehen vielmehr zunächst alleine: Sie sprechen für sich.

1 Kommentar:

Kaya hat gesagt…

"Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt" Ludwig Wittgenstein, Tractatus Logioco-Philosophicus, 1929
... auch die Welt der (Natur)Wissenschaftler ist also begrenzt. wie gut.