Sonntag, 22. Januar 2012

Vorausgesetzt

Einmal angenommen,
der Prophet sieht die Berge kommen.

Er harrt ihnen, so offen,
und doch wie vom Blitz getroffen.
Starr wie aus Stein,
ein Zarathustra, aber gemein!

Schon haben die Gipfel sein Blickfeld erklommen
aus ist das Miteinandersein.

Dienstag, 18. Januar 2011

Waffen

Alain Pichard findet, unsere Freiheit werde immer weiter eingeschränkt. Die Schulkinder dürften nicht einmal mehr Gipfeli essen oder in Bergseen schwimmen gehen. Und das ist ein Problem.
Doch er meint weiter, Waffen seien wie Gipfeli, oder wie ein Bad im Bergsee. Aber Waffen sind nicht wie Gipfeli. Sie schmecken nicht, auch dann nicht, wenn man sie in Kaffee tunkt. Waffen sind nicht wie ein Bad im Bergsee. Erschossen werden erfrischt nicht, auch wenn einem so richtig kalt wird dabei.
Waffen töten. Sonst können sie überhaupt gar nichts. Freiheit gibt es nur von der Waffe, nie zu ihr. Waffen sind Freiheitsberaubungsmaschinen.
Wer für die Freiheit ist, ist für die Waffeninitiative.

Freitag, 17. Dezember 2010

Logos und TCP/IP

Ich bereite momentan eine Seminararbeit vor (zu Gadamer in Verbindung mit meinen üblichen Verdächtigen Heidegger, Austin, Camus, Derrida und Wittgenstein) und habe Folgendes in der Hoffnung geschrieben, einen Teil davon irgendwie verwenden zu können. Beim Durchlesen habe ich gemerkt, dass höchstens die Beispiele nützlich werden könnten, aber wahrscheinlich ein Umschreiben unumgänglich wird. Daher überlasse ich den Text im seltsam gemischten Stil zwischen Sprachwissenschaftlich-Philosophsicher Seminararbeitseinleitung und erzählendem Blogeintrag dem Internet.

Ein Beispiel soll verdeutlichen, wie sehr das Bild der natürlichen Sprache als Regelsystem bei Naturwissenschaftlern verhaftet sein kann - und zu welchen absurden Konsequenzen diese Verhaftung führt. Ich erhalte oft E-Mails, die nicht für mich bestimmt sind, sondern für den Chemiestudenten M. L. Dies geschieht (wohl) deshalb, weil die Universität Basel ihren Studenten empfiehlt, ihre E-Mail-Adresse in der Form Vorname.Nachname@stud.unibas.ch zu wählen. Nun unterliegen auch die E-Mail-Adressen einem Protokoll, welches es Rechnern ermöglicht, sie zu deuten und die Post entsprechend weiter- oder umzuleiten, anzunehmen oder abzulehnen. Jeder Benutzer des E-Mail-Systems weltweit muss sich, um nicht massenhaft falsche Post zu generieren, darüber bewusst sein, dass jede E-Mail-Adresse eindeutig ist.
Darüber hinaus muss sich aber auch jeder Mensch in einem sozialen Umfeld bewusst sein, dass doch wenigstens die Namen der natürlichen Sprache nicht eindeutig sind: es kann mehrere M. L. geben - und es ist sogar wahrscheinlich, dass es mehrere Peter Müllers gibt (eine genügend umfangreiche Grundgesamtheit vorausgesetzt). Gratuliere ich dem achtjährigen Peter Müller zu seiner Heirat, so kann mich das in Schwierigkeiten bringen. Wie kommt es also, dass am Chemischen Institut der Universität Basel die (Un-)Sitte verbreitet ist, elektronische Post zu verschicken, indem man das „To:“-Feld blind ausfüllt, als gebe es eine Regel dafür, wie es auszufüllen sei, aus der sich die Adresse automatisch ableiten lasse? Wie kann die Empfehlung, der E-Mail-Adresse eine bestimmte Form zu geben, in den Köpfen der Menschen zur Regel werden, die bekannte Regeln der natürlichen Namensgebung überschreibt?
Eine mögliche Weise, die Gründe für die sowohl unter Philosophen als auch in der Bildungsbevölkerung weit verbreitete logozentristische Betrachtung der natürlichen Sprache darzulegen, besteht darin, sich mit populärwissenschaftlichen Beschreibungen technischen Wissens auseinanderzusetzen. Eine als Nebenprojekt von Google Chrome entstandene Webseite, aufgebaut wie ein Bilderbuch für Kinder, welches der breiten Bevölkerung die Funktionsweise des TCP/IP-Protokolls für die Kommunikation unter Computern (das Internet) erklären möchte, behauptet etwa:
TCP/IP is somewhat like human communication: when we speak to each other, the rules of grammar provide structure and ensure that we can understand each other and exchange ideas. Similarly, TCP/IP provides the rules of communication that ensure interconnected devices understand each other so that they can send information back and forth. (Link)
Ich habe ein E-Mail-Konto bei Google und hoffe, seit ich dies gelesen habe, dass es keinen zweiten M.L. bei Gmail gibt.
Natürlich sind diese Beispiele - eine Erzählung gefolgt vom Zitat einer Erzählung in Märchenform - von mythischer Art und es kann von ihnen keineswegs mittels induktiver Logik auf ‚das Sprachbild der Naturwissenschaften‘ geschlossen werden. Trotz dieses Umstandes (oder gerade deshalb, weil sich für die Besprechung des Status dieser Beispiele die Begriffe Mythos und Logik aufdrängen) scheint es ziemlich offensichtlich zu sein, dass diesen Beispielen irgend eine Relevanz für das Thema nicht abgesprochen werden kann. Aber die Relevanz ist eben keine von der Form eines Allgemeinen, einer Regel. Die Erzählungen stehen vielmehr zunächst alleine: Sie sprechen für sich.

Freitag, 10. Dezember 2010

Ode an den Fahrplan

Ich werde am Sonntag Zug fahren, denn dann habe ich eine Verbindung.
Nein, heute habe ich keine Verbindung, ich hatte eigentlich sieben Jahre lang keine Verbindung mehr, aber jetzt habe ich wieder eine Verbindung. Ich werde am Sonntag Zug fahren und ich werde wieder einmal aus dem Fenster schauen. Ich werde das Umsteigen in Lenzburg geniessen, weil es eine Abwechslung sein wird zum Zugfahren und nicht mehr umgekehrt und ich werde mich darüber freuen. Und währenddem die Leute in Aarau aussteigen, um umzusteigen, werde ich mir überlegen, wieder einer Partei beizutreten und welcher. Ich werde es zwar wohl nicht tun, weil es eine schwerwiegende Überlegung ist und meine Zugfahrt zu kurz und weil ich kein Formular bei mir haben werde und auch deshalb, weil in Wohlen der Bus wartet und mir spätestens in Sarmenstorf alle Gedanken aus dem Hirn schüttelt. Aber ich werde es mir überlegt haben. Und wer weiss, auf der Rückfahrt werde ich mich vielleicht daran erinnern. Vielleicht werde ich dann endlich eine Geschichte zu erzählen haben.
Am Sonntag wird Zug gefahren.

Montag, 5. April 2010

Theorie und Praxis

Manchmal denke ich, es gebe wenig, was ich weniger mag, als Aktionäre. Dann wiederum denke ich an die Aktion.
Es ist unschön, Lebewesen als Sache zu behandeln. Regelrecht übel aber wird es mir, wenn einer seine Sache 'eine Gute' nennt.
Und es ist etwas Unfeines an Gutsherren. Aber vor den Herren, die über das Gute entscheiden, ekelt es mich mehr.

Mittwoch, 27. Januar 2010

Schawinski und die Sprache

Wir sprechen mit Deutschen oft Hochdeutsch. Mit Deutschen sprechen, Nachrichten ablesen und das Halten von Reden gehören seit Schweizergedenken zur Hochdeutschen Seite unserer deutschschweizerischen medialen Diglossie, die es so sonst fast nirgends gibt auf der ganzen Welt. Nun behauptet Roger Schawinski im Schweizer Fernsehen, das sei ein Fehler und wir sollen damit aufhören. Mir persönlich ist das egal, mich interessiert die Sprache nicht primär als Kampfmittel. Aber eins ist sicher: die Mörgelsche „Kriechhaltung“ gegenüber den Deutschen nehmen wir, wenn überhaupt, genau dann ein, wenn wir unsere Eigenheiten aufgeben. Zum Beispiel unsere mediale Diglossie. Wenn wir aufhören damit, mit den Deutschen Hochdeutsch zu sprechen, geben wir etwas auf, was an uns besonders ist - von den Deutschen nämlich sagt man, dass sie gerne mit allen und überall in ihrer einzigen Muttersprache sprechen und von den Welschschweizern weiss man es. Aggressivität ist manchmal Anpassung. Was kämpferisch, progressiv und speziell daherkommt ist allzu oft nur derselbe seichte, opportunistische Durchschnitt. Und in dieser Hinsicht passt die Aussage Schawinskis leider gut zu seinen Radioprogrammen.

- Artikel im Tages-Anzeiger

Freitag, 18. Dezember 2009

Frisch stellt Fragen...

Fragebogen („I“, 9ff.)

1. Sind Sie sicher, daß Sie die Erhaltung des Menschengeschlechts, wenn Sie und alle Ihre Bekannten nicht mehr sind, wirklich interessiert?
Nein.
2. Warum? Stichworte genügen.
Agnostizismus - Plausibilität der Endlichkeit des Daseins mit dem Tode
Schon jetzt weder Kinderwunsch noch ethisches Obdach und demnach kein Interesse an der Erhaltung des Menschengeschlechts über mich hinaus
3. Wieviele Kinder von Ihnen sind nicht zur Welt gekommen durch Ihren Willen?
Die Antwort ist je nach Definition entweder unzählbare oder aber, dass diese Menge zwangsläufig leer sein muss, weil ein Kind nur eins ist, wenn es auf der Welt ist.
Um Definitionen will ich mich nicht streiten, sie sind arbiträr.
4. Wem wären Sie lieber nie begegnet?
Niemandem.
5. Wissen Sie sich einer Person gegenüber, die nicht davon zu wissen braucht, Ihrerseits im Unrecht und hassen Sie eher sich selbst oder die Person dafür?
Nein, aber ich hasse mich schon bei der Ahnung, im Unrecht sein zu können - nicht für das potentielle Unrecht, sondern für jede Handlung, die angemessener Weise mit ‚recht’ oder ‚unrecht’ beurteilt werden kann.
Solche Handlungen behindern das Verständnis aller von allem.
6. Möchten Sie das absolute Gedächtnis?
Nein. Wenn ich es erlangen sollte, wäre dies eine beurteilbare Handlung (siehe 5.).
7. Wie heißt der Politiker, dessen Tod durch Krankheit, Verkehrsunfall usw. Sie mit Hoffnung erfüllen könnte? Oder halten Sie keinen für unersetzbar?
Ich wünsche niemandem den Tod. Und ich wünsche nicht, zu hoffen. Ich halte es zurzeit mit Albert Camus: „La lutte elle-même vers les sommets suffit à remplir un coeur d’homme.“
8. Wen, der tot ist, möchten Sie wiedersehen?
Niemanden: es ist nicht möglich und die Möglichkeit wider mein Wissen würde mich erschüttern.
9. Wen hingegen nicht?
Nicht: Alle. Sondern wiederum: Niemanden. Ich würde es jedem einzelnen gönnen, wieder zu leben.
10. Hätten Sie lieber einer anderen Nation (Kultur) angehört und welcher?
Ihre Fragen, Herr Frisch, sind nicht direkt beantwortbar. Im Voraus konnte ich noch nichts beurteilen, da ich die Fähigkeit zur Wahl erst aus der Situation (zu der die Nation wie die Kultur gehört) erhalten habe. Jetzt wiederum kann ich dazu nichts sagen, da ich ja schon einer bestimmten Kultur angehöre. Wenn ich in eine andere Kultur geboren worden wäre, wäre ich nicht in dieser hier aufgewachsen und würde die Frage anders beantworten. Sie sprechen von einer alternativen Welt, über die ich aus offensichtlichen Gründen nichts sagen kann (ich lebe in -dieser- Welt).
Ich kann höchstens insofern Nein sagen, als dass ich weder bisher noch jetzt einen Drang verspürt habe, die Kultur zu wechseln, in die ich geworfen wurde. Aber das ist die Antwort auf eine andere Frage, die Sie nicht gestellt haben.
11. Wie alt möchten Sie werden?
Das kommt zu offensichtlich auf zu viele Faktoren an, als dass ich die Frage beantworten könnte. Mir scheint, als glaubten Sie tatsächlich an das dümmliche Wort ‚Es gibt keine dummen Fragen. Es gibt nur dumme Antworten.‘ Sie aber stellen Fragen, zu denen es nur dumme Antworten gibt, wenn es Antworten auf Ihre Fragen sind! Wie kann man nur behaupten, solche Fragen seien nicht dumm.
12. Wenn Sie Macht hätten zu befehlen, was Ihnen heute richtig scheint, würden Sie es befehlen, gegen den Widerspruch der Mehrheit? Ja oder Nein.
Ja.
13. Warum nicht, wenn es Ihnen richtig scheint?
Eben. (Allerdings hätte ich nichts zu befehlen, weil ich mich nicht hassen will - siehe 5.)
14. Hassen Sie leichter ein Kollektiv oder eine bestimmte Person und hassen Sie lieber allein oder im Kollektiv?
Weder noch. Ich hasse nur Sprachhandlungen - dafür dass sie falsch sind, oder dafür dass sie irreführend sind. Letzteres halte ich für schlimmer.
15. Wann haben Sie aufgehört zu meinen, daß Sie klüger werden oder meinen Sie's noch? Angabe des Alters.
Ich habe vor wohl drei bis vier Jahren aufgehört, mir diese Frage zu stellen. Mein 23. Geburtstag ist in gut vier Monaten.
16. Überzeugt Sie Ihre Selbstkritik?
Nein. Meinen Sie etwa, daraus schliessen zu können, dass sie keinen Einfluss auf mein Denken und Handeln hat? Das würde ich bezweifeln.
17. Was, meinen Sie, nimmt man Ihnen übel und was nehmen Sie selbst übel, und wenn es nicht dieselbe Sache ist: wofür bitten Sie eher um Verzeihung?
Man nimmt mir übel, dass meine Argumentationsweise überheblich wirke. Ich nehme es anderen übel, emotionale Kategorien in eine Diskussion zu tragen, die dort nichts verloren haben. Wenn das nicht verstanden wird, werde ich auch emotional. Das wird mir dann wiederum übel genommen. Ich bitte möglichst oft und für möglichst viel um Verzeihung. Reine Vorsichtsmassnahme.
18. Wenn Sie sich beiläufig vorstellen, Sie wären nicht geboren worden: beunruhigt Sie diese Vorstellung?
Nein. Ich kann mir das nicht vorstellen und ich kann mir demnach auch nicht vorstellen, wie mich eine solche Vorstellung beruhigen würde, wenn sie denkbar wäre.
19. Wenn Sie an Verstorbene denken: wünschten Sie, daß der Verstorbenen zu Ihnen spricht, oder möchten Sie lieber dem Verstorbenen noch etwas sagen?
Beides, wechselweise.
20. Lieben Sie jemand?
Ja.
21. Und woraus schließen Sie das?
Ich schliesse nicht. Ich entnehme die Angemessenheit meiner Antwort der sprachlichen Konvention unter Beiziehung der Beobachtung einer zwischenmenschlichen Beziehung.
22. Gesetzt den Fall, Sie haben nie einen Menschen umgebracht, wir erklären Sie es sich, daß es dazu nie gekommen ist?
Siehe 5., 14. Und es würden Unnannehmlichkeiten folgen.
23. Was fehlt Ihnen zum Glück?
Das weiss ich nicht, meine Erfahrung hat gezeigt, dass Streben nach Glück nicht zu Glück führt. Und Lachen ist besser als Glück. Nietzsche sagte einmal: „Der Mensch strebt nicht nach Glück. Nur der Engländer thut dies.“ Köstlich, nicht?
24. Wofür sind Sie dankbar?
Für alles.
25. Möchten Sie lieber gestorben sein oder noch eine Zeit leben als gesundes Tier? Und als welches?
Es handelt sich wieder um eine Alternative-Welt-Frage: der lebendige Mensch ist das einzige Tier mit einem Willen, das einzige Tier, das etwas ‚möchte‘. Also ‚möchte‘ ich, wenn ich denn etwas möchte, zwangsläufig als Mensch weiterleben.